Ratgeber · Kleine Schäden

BAGATELLSCHADEN
ODER NICHT.

Von Kerem Khalaf Kfz-Sachverständiger, VSD-zertifiziert Lesezeit 6 Minuten

Nicht jeder Schaden rechtfertigt ein volles Gutachten. Bei sehr kleinen Schäden genügt ein Kostenvoranschlag, und die Kosten eines Sachverständigen werden dann nicht ersetzt. Diese Schwelle heißt Bagatellgrenze. Sie steht in keinem Gesetz, und trotzdem entscheidet sie darüber, ob Sie einen dreistelligen Betrag selbst tragen oder nicht.

Inhalt

WO DIE GRENZE LIEGT.

Die Grenze ergibt sich aus der Rechtsprechung und nicht aus einer Vorschrift. Über Jahre hat sich ein Wert von etwa 750 Euro Reparaturkosten gefestigt, unterhalb dessen ein Gutachten als nicht erforderlich gilt.

Diese Zahl ist in Bewegung geraten. Werkstattkosten und Ersatzteilpreise sind deutlich gestiegen, und neuere Entscheidungen gehen von einer Netto-Grenze bis 1.000 Euro aus. Verbindlich festgelegt ist nichts davon, weshalb Gerichte in vergleichbaren Fällen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen können.

Praktisch heißt das: Zwischen 750 und 1.000 Euro liegt ein Graubereich. Darunter ist die Sache klar, darüber ebenfalls. Für Essen und das übrige Ruhrgebiet gilt dabei nichts Besonderes, die Stundensätze liegen im Bundesdurchschnitt, und damit bewegt sich die Grenze hier wie überall.

Ein Detail dazu, das häufig übersehen wird. Überwiegend wird auf die Netto-Reparaturkosten abgestellt, also auf den Betrag ohne Umsatzsteuer. Ein Schaden von 900 Euro brutto entspricht netto rund 756 Euro und liegt damit an einer ganz anderen Stelle als die Bruttozahl vermuten lässt.

Die wichtigste Regel

ENTSCHEIDEND IST DER ZEITPUNKT.

Die wichtigste Regel dieses Artikels betrifft nicht die Höhe, sondern den Zeitpunkt.

Maßgeblich ist nicht, was am Ende in der Rechnung steht, sondern was aus Ihrer Sicht in dem Moment erforderlich schien, als Sie den Sachverständigen beauftragt haben. Juristen nennen das die Sicht ex ante.

Das ist eine große Erleichterung, denn niemand kann vorher wissen, was unter einer Verkleidung steckt. Wer bei einem Anstoß mit deutlich verformter Stoßfängerverkleidung ein Gutachten beauftragt und hinterher erfährt, dass die Reparatur nur 680 Euro kostet, hat nicht falsch gehandelt. Die Kosten des Gutachtens bleiben erstattungsfähig, weil die Beauftragung im Moment der Entscheidung vernünftig war.

Umgekehrt gilt das auch. Wer bei einem oberflächlichen Kratzer im Klarlack einen Sachverständigen holt, kann sich nicht darauf berufen, es habe schlimmer ausgesehen.

DAS SCHADENSBILD ENTSCHEIDET.

Damit ist klar, worauf es ankommt: auf das Schadensbild, nicht auf eine Zahl.

Für ein Gutachten spricht alles, was auf verdeckte Schäden hindeutet. Verformte Bauteile, veränderte Spaltmaße, ein Anstoß mit hörbarem Knall, Geräusche nach dem Unfall, ein Fahrzeug, das sich anders anfühlt als vorher. Ebenso jeder Schaden an tragenden oder verschweißten Teilen, selbst wenn er von außen klein wirkt.

Für einen Kostenvoranschlag spricht der reine Oberflächenschaden. Ein Kratzer im Lack ohne Verformung, eine angeschrammte Felge, ein Kunststoffteil mit Schleifspur.

Im Zweifel entscheidet ein Blick, und der kostet nichts. Ein Foto per WhatsApp und fünf Minuten am Telefon genügen in Essen fast immer, um die Frage zu beantworten, bevor irgendetwas beauftragt wird.

Schadensbild Was genügt Gutachterkosten
Kratzer im Klarlack Kostenvoranschlag tragen Sie selbst
angeschrammte Felge Kostenvoranschlag tragen Sie selbst
Schleifspur auf Kunststoff Kostenvoranschlag tragen Sie selbst
verformte Verkleidung Gutachten gegnerische Haftpflicht
veränderte Spaltmaße Gutachten gegnerische Haftpflicht
tragendes oder geschweißtes Teil Gutachten gegnerische Haftpflicht
Geräusche oder Fahrverhalten neu Gutachten gegnerische Haftpflicht
Rechenbeispiel

VON AUSSEN IDENTISCH.

Ein Beispiel mit Zahlen, das den Unterschied deutlich macht.

Ein Fahrzeug wird beim Ausparken am Heck getroffen. Sichtbar ist eine Schleifspur auf der Stoßfängerverkleidung, nichts wirkt verformt.

Variante A, nur Oberfläche
Instandsetzung und Lack 480 €
Wertminderung 0 €
Kostenvoranschlag genügt
Variante B, verdeckt
Reparatur gesamt 2.150 €
Ausfallzeit 3 Tage
Gutachten erforderlich

In der ersten Variante ist es genau das. Der Kostenvoranschlag der Werkstatt weist 480 Euro für Instandsetzung und Lackierung aus. Die Sache liegt klar unter der Grenze, ein Gutachten wäre nicht erstattungsfähig, und der Kostenvoranschlag genügt als Nachweis.

In der zweiten Variante wird die Verkleidung abgenommen. Dahinter zeigt sich ein verschobener Querträger, eine gebrochene Halterung und ein angesprochenes Deformationselement. Die Reparatur kostet 2.150 Euro, dazu kommen drei Tage Ausfallzeit.

Von außen sahen beide Varianten identisch aus. Wer in der zweiten Variante nur einen Kostenvoranschlag über 480 Euro hat, bekommt 480 Euro, und der Rest bleibt liegen, weil niemand weiß, dass er existiert.

Genau darin liegt das Risiko der Bagatellgrenze. Sie wird von hinten beurteilt, entschieden werden muss aber von vorne.

WER DIE KOSTEN TRÄGT.

Wer die Kosten trägt, hängt an derselben Grenze, und die Aufteilung ist einfach.

Oberhalb der Bagatellgrenze gehören die Kosten des Sachverständigen bei einem unverschuldeten Unfall zum Schaden. Die gegnerische Haftpflichtversicherung trägt sie, und Sie bleiben nicht darauf sitzen.

Unterhalb der Grenze tragen Sie sie selbst. Das heißt nicht, dass ein Gutachten sinnlos wäre, nur bezahlt es dann niemand anderes. Sinnvoll kann es trotzdem sein, etwa wenn Sie das Fahrzeug verkaufen wollen oder wenn der Verursacher die Sache bestreitet.

Bei geteilter Haftung wird anteilig getragen, entsprechend der Quote. Auch das ist kein Argument gegen ein Gutachten, sondern nur eine Rechengröße.

WAS EIN KOSTENVORANSCHLAG NICHT LEISTET.

Ein Kostenvoranschlag ist kein kleines Gutachten, sondern etwas anderes.

Er beziffert Reparaturkosten, und das tut er in der Regel zuverlässig. Was er nicht enthält, ist alles Übrige: keine Wertminderung, keinen Wiederbeschaffungswert, keinen Restwert, keine Reparaturdauer, keine Aussage zur Verkehrssicherheit und keine Plausibilitätsprüfung des Hergangs.

Bei einem echten Bagatellschaden fehlt davon nichts Wesentliches. Eine Wertminderung fällt bei einem oberflächlichen Lackschaden ohnehin nicht an, und für drei Stunden in der Werkstatt braucht niemand eine Ausfalldauer.

Oberhalb der Grenze kippt das. Dort fehlen mit jedem nicht ausgewiesenen Punkt Ansprüche, und zwar solche, die niemand für Sie nachfordert.

MEHRERE SCHÄDEN UND DER WEITERVERKAUF.

Zwei Sonderfragen tauchen regelmäßig auf, und beide gehören hierher.

Die erste betrifft mehrere Schäden. Stammen sie aus einem Unfallereignis, werden die Reparaturkosten zusammengerechnet, und die Summe entscheidet über die Grenze. Ein Streifschaden an zwei Türen ist kein zweifacher Bagatellschaden, sondern ein Schaden. Bei getrennten Ereignissen an verschiedenen Tagen wird dagegen einzeln betrachtet.

Die zweite betrifft den Weiterverkauf. Ein reparierter Schaden muss beim Verkauf offenbart werden, und die Ausnahme davon ist eng. Nicht offenbaren müssen Sie ganz geringfügige, rein äußere Lackschäden. Alles, was darüber hinausgeht, gehört auf den Tisch, auch wenn die Reparatur wenig gekostet hat. Wer das verschweigt, riskiert eine Rückabwicklung des Kaufvertrags.

Daraus folgt ein Argument für die Dokumentation, das mit der Erstattung gar nichts zu tun hat. Wer den Umfang und die fachgerechte Ausführung schriftlich hat, kann beim Verkauf belegen, was war, statt darüber zu diskutieren.

BEIM KASKOSCHADEN RECHNET MAN ANDERS.

Bei einem Kaskoschaden gilt diese Grenze nicht in derselben Form. Dort geht es nicht um Erforderlichkeit im Sinne des Schadensersatzrechts, sondern um Ihre Versicherungsbedingungen und um eine ganz andere Rechnung.

Entscheidend ist dort nämlich die Selbstbeteiligung. Liegt der Schaden bei 700 Euro und die Selbstbeteiligung bei 500 Euro, bleiben 200 Euro Leistung, und dafür steigt die Prämie über Jahre. Ein Kleinschaden über die eigene Kasko zu melden, lohnt sich in solchen Fällen fast nie.

Genau das ist der Punkt, an dem eine Bezifferung hilft, auch wenn sie niemand ersetzt. Wer die Zahl kennt, kann Selbstbeteiligung und Rückstufung dagegen rechnen, bevor er meldet. Danach ist die Meldung in der Akte und lässt sich nicht zurücknehmen.

Aus der Praxis

DREI BEOBACHTUNGEN.

Aus der Arbeit in Essen kommen drei Beobachtungen dazu.

Erstens: Der Anteil der echten Bagatellschäden ist kleiner, als die Leute denken. Bei aktuellen Fahrzeugen sitzen Sensoren, Kameras und Parkhilfen genau dort, wo früher nur Blech war. Ein Stoßfänger mit Abstandssensorik kostet ein Vielfaches dessen, was dieselbe Beschädigung vor zehn Jahren gekostet hätte.

Zweitens: Die Grenze wird von Versicherern gern früh ins Gespräch gebracht, in Essen wie überall sonst. Ein Hinweis am Telefon, es handle sich ja nur um einen Bagatellschaden, ist keine Feststellung, sondern eine Einschätzung der Gegenseite. Sie ersetzt keinen Blick aufs Fahrzeug.

Drittens: Wer unsicher ist, verliert nichts durch das Fragen. Eine Ersteinschätzung kostet bei SI Gutachten nichts, und sie beantwortet genau diese Frage, ohne dass ein Auftrag entsteht.

Häufige Fragen

FRAGEN ZUR BAGATELLGRENZE.

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UNSICHER, WIE GROSS ES IST?
SCHICKEN SIE EIN FOTO.

Ein Bild per WhatsApp und fünf Minuten am Telefon. Danach wissen Sie, ob ein Gutachten nötig ist. Die Ersteinschätzung kostet nichts und verpflichtet zu nichts.